Akusmatik ist ein Begriff aus der Musikwelt, der die Quelle eines Geräusches, meist Musik, für den Zuschauer, oder Zuhörer nicht sichtbar erkennen lässt. Dadurch soll sich das Publikum ausschliesslich auf die Klangwelt konzentrieren, ohne durch visuelle Eingriffe gestört zu werden.
Im Film brachte Michel Chion das Konzept als Akusmêtre in der Filmanalyse ein. Hier geht die Technik des nicht sichtbaren Tones über Musik hinaus. Vor allem Stimmen können in diesem Zusammenhang eine entscheidende Wirkung auf den Zuschauer haben. Diegese spielt hier eine tragende Rolle.
Ursprünge aus der Musik
- Der Fokus liegt auf dem Klangereignis an sich, ohne die visuelle Bestätigung der Quelle.
- Die Technik fördert ein tieferes, abstrakteres Hören, indem sie die Fantasie des Hörers herausfordert.
- Wird oft in der elektroakustischen Musik angewendet, wobei Klänge manipuliert und zu neuen, artifiziellen Klangwelten zusammengefügt werden.
- Künstler nutzen oft spezielle Mehrkanal-Lautsprechersysteme, um räumliche Klangskulpturen zu erschaffen.
Eigenschaften eines Akusmêtres
- Unsichtbar: Da die Quelle des Geräusches (meist einer Stimme) im Verborgenen bleibt, wird Spannung erzeugt.
- Allwissend: Meist wird Akusmatik bei unbekannten Figuren verwendet, die alles zu wissen scheinen, was ein Gefühl des Unbehagens und des Unheils hervorruft.
- Allmächtig: Oftmals sind Akusmêtres in der Lage, ähnlich wie ein Gott, das Geschehen beliebig zu lenken, wohingegen die Protagonisten machtlos erscheinen.
- Omnipräsent: Durch das Ausblieben einer physischen Präsenz kommt es dem Zuschauer oft so vor, als wäre der Ursprung des Geräusches überall präsent.
Das Unsichtbar-, bzw. Sichtbarwerden eines Tones wird als Akusmatisation, bzw. Deakusmatisation bezeichnet und kommt in der Tonbearbeitung häufig zum Einsatz. Die Begriffe finden vor allem in der Filmanalyse und -kritik ihre Anwendung.
Wirkung auf den Zuschauer
Zentrales Ziel des Akusmêtre als Stimme ist die Demonstration von Macht und Kontrolle. Dadurch, dass die wahre Natur jener Stimme dem Zuschauer unbekannt bleibt, strahlt sie etwas Unheimliches aus und weckt die Vorstellungskraft, um die fehlenden Informationen zu füllen, sodass das Publikum im Film selbst unterbewusst aktiv werden kann. Seine Macht wird durch die Enthüllung der physischen Gestalt oft gebrochen.
Akusmatik kann aber auch genutzt werden, um eine gewisse Atmosphäre zu schaffen, von positiven Gefühlen, die durch extradiegetische Musik beispielsweise untermalt wird, bis hin zu einem unheimlichen Foley.
Beispiele aus der Filmgeschichte
- Jaques Tati verwendet in Filmen wie “Mon Oncle” (1968) Geräusche, wie das Rauschen von Wasser, die oft übertrieben oder verzerrt sind und eine eigene komische oder surreale Welt schaffen, anstatt nur die Bilder zu untermalen.
- HAL 9000 in “2001: Odyssee im Weltraum” (1968) von Stanley Kubrick dient als gefühlskalter Erzähler, der, bis das rote Licht sichtbar wird, in Form eines Akusmêtres auftritt.
- David Lynch nutzt in vielen seiner Filme, beispielsweise “Eraserhead” (1977) mysteriöse, verstörende Klänge, deren Natur unbekannt bleiben, die Handlung aber vorantreiben und Spannung erzeugen.
- Der Anrufer in “Nicht auflegen!” (2002) von Joel Schumacher ist über den gesamten Film, der in einer einzelnen Telefonzelle spielt, scheinbar als einzige Person in der Lage, Kontrolle über die Situation zu haben, ohne dabei physisch anwesend zu sein.
Fazit zur Akusmatik im Film
Die Akusmatik ist ein wichtiges Werkzeug, das im Sound Design eingesetzt werden kann. Ist es bei Stimmen angewandt, so verleiht es dem unbekannten Sprecher eine mysteriöse und unheimliche Personifizierung. Allgemein verschafft sich der Quelle des Gereäusches Eigenschaften wie Unsichtbarkeit, Allwissenheit, Macht und Omnipräsenz. Sie kommt aber auch häufig in Formen von Foleys oder Musik vor.
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