Laut der 180°-Regel besteht eine unsichtbare Linie zwischen zwei Figuren bzw. einer Figur und einem Objekt. Diese Linie wird durch den Blick der Figur, auch Handlungsachse oder im Englischen “Eyeline” genannt, definiert, und verbindet die beiden Figuren bzw. die Figur und das Objekt. Diese Linie darf von der Kamera nicht überschritten werden. Die Kamera muss also immer auf einer Seite der Achse bleiben, sodass die jeweilige Figur auf der gleichen Seite des Bildschirms zu sehen ist. Somit hat die Kamera einen Spielraum von 180°, in dem sie sich frei bewegen kann.
Wichtigkeit der 180°-Regel
- Die 180°-Regel verschafft dem Zuschauer eine räumliche Orientierung und ein Bewusstsein darüber, wo sich die einzelnen Charaktere im Raum befinden.
- Ein Achsensprung lässt es aussehen, als würden die Figuren die Plätze tauschen und in die gleiche Richtung blicken.
Das Brechen der Regel
Das Brechen der 180°-Regel kann bewusst als filmisches Stilmittel eingesetzt werden und ist vor allem im Autorenkino ein beliebtes Mittel um einen Bruch in der Handlung zu visualisieren. Dieser Bruch kann sich durch eine Veränderung der Situation, wie zum Beispiel neue Machtverhältnisse manifestieren, aber auch als psychologischer Effekt, oder als künstlerisches Stilmittel, welches Unwohlsein beim Zuschauer verursacht, genutzt werden. Das Brechen der Regel kann entweder durch einen Schnitt erfolgen, welcher eine verwirrende Wirkung auf den Zuschauer hat, oder durch eine Bogenfahrt über die Achse, was eine sanftere Methode wäre.
Beispiele:
- “Die Passion der Jungfrau von Orleans” (1928): Carl Theodor Dreyer bricht die 180°-Regel, um auf die emotionalen Spannungen und die verzerrte Wahrnehmung der Protagonistin einzugehen.
- “The Shining” (1980): Stanley Kubrick bricht hier die 180°-Regel und nutzt das Element hier als Veränderung der Atmosphäre, indem sich die Identität des Protagonisten Jack Torrance wandelt.
- “Parasite” (2019): In einer Szene zwischen Ki-jung und Mrs park überquert die Kamera aktiv die Handlungsachse, sodass beide Figuren auf der gleichen Seite des Bildes stehen. Das zentrale Thema des Films, das Überschreiten der Grenzen sozialer Klassen, wird hier visualisiert.
- Der Achsensprung unterstützt häufig Jump Scares in Slasher Filmen. So wird der Schockmoment beim Zuschauer intensiviert, Spannung und Desorientierung erzeugt und in manchen Fällen auch eine Verbindung zum Übernatürlichen hergestellt.
Fazit zur 180°-Regel
Ursprünglich ist die 180°-Regel eine Richtlinie, welche der allgemeinen räumlichen Orientierung des Zuschauers im Geschehen dient. Immer häufiger wird die Regel jedoch gebrochen und dient den Filmemachern so als Werkzeug, um subtile Aussagen über die Handlung zu treffen, bewusst zu verwirren oder gar zu schockieren.
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